Osterkerze 2026
Wohl eines der ersten einzigartigen schweizerdeutschen Wörter, das ich bei unserer Ankunft in der Schweiz kennenlernen durfte, war «Flickflauder». Zum ersten Mal hörte ich es bei einem Ausflug zu einem namhaften innerrhodischen Getränkehersteller. Die damalige Firmenleiterin hatte das Erscheinungsbild vereinheitlicht und die Etiketten mit kleinen und grossen Schmetterlingen geschmückt – im Appenzellerland und darüber hinaus liebevoll Flickflauder genannt. Mir wurde erklärt, das bedeute so viel wie «flinke Flatterer». Das Wort blieb mir im Ohr – und im Herzen.
Heute, einige Jahre später, begegnet mir der Flickflauder in einem ganz neuen Licht. Denn in diesem Jahr stehen die Kar- und Ostertage in unserer Seelsorgeeinheit unter dem Motto «Verwandlung». Auf der Osterkerze in unseren Kirchen ist ein Flickflauder abgebildet – zart und kraftvoll zugleich. Dieses Bild verbindet auf eindrückliche Weise Naturerfahrung und Glaubensgeheimnis.
Der Schmetterling ist seit den ersten christlichen Jahrhunderten ein Sinnbild für Auferstehung. So wie aus der unscheinbaren Raupe im verborgenen Kokon neues Leben entsteht, so feiern wir an Ostern die Verwandlung durch die Auferstehung Jesu Christi. Aus Dunkel wird Licht, aus Erstarrung Bewegung, aus Angst Hoffnung. Die Metamorphose des Schmetterlings erinnert uns daran, dass Gott Wandlung schenkt – oft leise, verborgen und doch von grosser Kraft.
Verwandlung geschieht jedoch nicht nur im grossen Heilsgeschehen, sondern auch in unserem Alltag. Wenn wir Geduld üben, wo wir früher vorschnell urteilten. Wenn wir vergeben, statt nachtragend zu bleiben. Wenn wir einem Menschen neu begegnen, obwohl uns Verletzungen trennen. All das sind kleine Schritte, kleine Metamorphosen des Herzens.
Der Flickflauder auf der Osterkerze lädt uns ein, auf diese inneren Prozesse zu vertrauen. Wie die Raupe die Zeit im Kokon nicht überspringen kann, so braucht auch unsere eigene Reifung Zeit. Nicht jede Verwandlung ist spektakulär; manche geschieht im Stillen, im Gebet, im Ausharren. Doch Gott wirkt – selbst dort, wo wir es kaum wahrnehmen.
Wenn nun im Frühling die ersten Schmetterlinge über Wiesen und Gärten flattern, dürfen wir darin eine Verheissung sehen: Leben setzt sich durch. Die Osterbotschaft will uns verwandeln – hin zu mehr Vertrauen, mehr Liebe, mehr Hoffnung. Vielleicht genügt manchmal schon ein einziges Wort wie Flickflauder, um uns daran zu erinnern, dass wir auf dem Weg der Verwandlung stehen – getragen vom Licht des Auferstandenen.
Alexander Michel
