Seelsorgeeinheit

„Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen“1 Petr 2,5

Zum Geleit

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen

Einem SRF Artikel war kürzlich zu entnehmen, dass die Anzahl Gräber in der Schweiz in den letzten Jahren massiv abgenommen hat. Friedhöfe haben als Gedenkstätten vielerorts ausgedient und werden zunehmend zu Naherholungsgebieten umfunktioniert. Der Grund, welcher ein Friedhofbeamter im Interview für diese Entwicklung angibt, überrascht wenig: Mit abnehmendem christlich orientiertem Glauben sinkt das Bedürfnis nach einer Gedenkstätte für Verstorbene. Der Tod wird, wie andere Glaubensthemen, aus dem Bewusstsein der gesellschaftlichen Wahrnehmung ins individuelle gedrängt und verkommt zum Tabuthema.

Ganz anders die Erfahrung, die ich in Mexiko gemacht habe. In kaum einem anderen Land der Erde herrscht ein alltäglicheres Todesbewusstsein. Zunächst wirkte dieses memento Mori auf mich abschreckend und durchschaubar; Abschreckend, weil das Gedenken in meinen Augen einer fanatischen Verehrung des Morbiden gleichkam. Erklärbar als gesellschaftlicher Schutzmechanismus, um der immerwährenden Gewalt und der steten Präsenz des Todes seinen Schrecken zu nehmen. Verändert hat sich dieses Verständnis am Dia de los muertos. Einem vorchristlichen Inkaverständnis nach überqueren in dieser Nacht die Toten auf einer Brücke aus Wüstenblumenblüten die Kluft zwischen Dies- und Jenseits. Durch prachtvolle Altäre treten die Verstorbenen zurück ins Leben, Tanzen und Singen mit denjenigen, die sie vermissen, stärken sich am bereitgelegten Tequila, Salz und Brot und kehren nach einem rauschenden Fest ins Totenreich zurück. Die Atmosphäre, welche in dieser Nacht auf den Strassen und in den Friedhöfen herrscht, ist an Lebendigkeit kaum zu übertreffen. Die Menschen liegen sich in den Armen, singen, weinen und lachen, tanzen alleine oder im Kreis mit unsichtbaren Vorfahren. Hier wurde mir bewusst: Das Verehren des Todes hat nichts mit Todeswunsch zu tun. Vielmehr ist es ein demütiges Feiern des Lebens in einem tief christlichen Verständnis, einer Vernetzung von Dies- und Jenseits, ein Versöhnen mit dem Schicksaal, das uns allen bevorsteht. Ich wünsche Ihnen an Allerseelen eine Todesbegegnung, die in Ihnen mexikanische Lebenslust weckt und Sie anregt, das Tabuthema Tod zu brechen.

Elias Schönenberger